Aug 272011
 

Laut einer Umfrage aus Großbritannien aus dem Jahr 2010 spielen 64% der Kinder zwischen acht und zwölf Jahren weniger als einmal die Woche im Freien, 28% waren innerhalb des Vorjahres kein einziges Mal Wandern und 20% sind noch nie im Leben auf einen Baum geklettert.

Dabei ist der Radius um das eigene Zuhause, in dem Kinder sich selbständig bewegen, seit den 1970ern um 90% geschrumpft. Unsere Kinder sind zu Stubenhockern geworden, ihre Eltern zu besorgten Glucken. 43% der Erwachsenen sind einer anderen Studie zufolge der Meinung, dass sich Kinder unter 14 nicht ohne Aufsicht im Freien aufhalten sollten.

Wenn Sie jetzt nonchalant „Und wenn schon?“ sagen, sind Sie wahrscheinlich deutlich unter vierzig Jahre alt oder haben ein mangelhafte Gedächtnis.

Als ich ein Kind war, sah das Leben so aus: Morgens zur Schule, danach zum Mittagessen nach Hause, anschließend husch-husch Hausaufgaben und dann nichts wie raus ins Freie. Da blieb ich – und alle anderen Kinder auch – bis zum Abendessen. Wussten meine Eltern, wo ich war? Manchmal ja, meistens nicht wirklich. Machten sie sich deshalb Sorgen? Natürlich nicht. Sie verließen sich auf meine Vernunft und ihre Erziehung.

Fragt man Erwachsene über 40 nach ihren schönsten Erinnerungen an die Kindheit, erzählen die meisten von Erlebnissen, die draußen stattgefunden haben. Erwachsene kommen darin nur höchst selten vor. Die Mehrzahl der Kinder von heute werden später im Leben auf solche Erinnerungen verzichten müssen.

Dabei sind die fehlenden Erinnerungen in der Zukunft noch das kleinste Übel. Der fehlende Kontakt zur Natur verursacht auch in der Gegenwart Probleme. Die Zunahme von Fettleibigkeit unter Kindern ist wohl das offensichtlichste, aber bei weitem nicht das einzige. Dutzende von Studien, die in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden, zeigen, dass Kinder, die sich regelmäßig selbständig in der Natur aufhalten und bewegen, damit ihre Lernfähigkeit und ihre Kreativität steigern sowie ihre Aufmerksamkeit und ihr allgemeines Wohlbefinden verbessern.

Bei unangeleitetem Spielen in natürlicher Umgebung entwickeln Kinder Flexibilität und Selbstbewusstsein, sowie die Fähigkeiten, eigenständig Probleme zu lösen und mit anderen Kindern zu kooperieren. Kinder, die sich oft in der Natur aufhalten und sich dort frei austoben können, sind im allgemeinen gesünder und glücklicher als Stubenhocker. Und davon gibt es mehr als zu viel. In den USA verbringen Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren durchschnittlich 53 Stunden pro Woche – das sind schier unglaubliche 7 1/2 Stunden pro Tag! – mit der Nutzung von Unterhaltungsmedien!

Wieso haben unsere Kinder den Kontakt zur Natur verloren? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Einer ist sicherlich die Rund-um-die-Uhr-Präsenz der Medien, des Internets und der Spielcomputer. Das Virtuelle – da geht es den meisten Erwachsenen nicht anders – fasziniert zunehmend mehr als das Echte. Ein anderer ist eine verschobene – ebenfalls von den Medien beeinflusste – Wahrnehmung. Auf die Frage, warum sie ihre Kinder nicht öfter vor die Tür scheuchen, antworten viele Eltern, sie würden befürchten, ihre Kinder könnten Opfer „eines Fremden“ werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Kind tatsächlich von einem Fremden ermordet wird, liegt in Großbritannien aktuell bei etwa 1:1.000.000 und damit so hoch, wie in den 1970ern. Diese spezielle Gefahr hat sich in den letzten dreißig bis vierzig Jahren also nicht erhöht – Eltern nehmen sie lediglich als größer wahr und entfremden ihre Kinder vor allem aus falscher Angst von der Natur.

Ohne Risiken ist das Leben allerdings auch dann nicht, wenn man sein Kind zu Hause „im Käfig“ hält. In Großbritannien landen heute weitaus mehr Kinder, die aus dem Bett gefallen sind, im Krankenhaus, als solche, die von einem Baum stürzen.

© Text: Günter W. Kienitz – Foto: Albrecht E. Arnold / pixelio.de


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